Tag der bewussten Irreführung

Tag der bewussten Irreführung

Alle Jah­re wie­der ruft die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ Mit­te Juli den „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ aus. Dazu erklä­ren Can­sel Kizil­te­pe (MdB), Micha­el Schro­di (MdB), bei­de Mit­glie­der des Finanz­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­tags, und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans, von 2010 bis 2017 Finanz­mi­nis­ter in Nord­rhein-West­fa­len:

Der „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ müss­te „Tag der bewuss­ten Irre­füh­rung“ hei­ßen, denn der Bund der Steu­er­zah­ler

  • ope­rier­te bis 2018 nach­weis­lich mit fal­schen Zah­len,
  • schmeißt Steu­ern und Sozi­al­ab­ga­ben will­kür­lich in einen Topf,
  • über­geht, dass die öffent­lich finan­zier­te Infra­struk­tur (Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Stra­ßen, Kran­ken­häu­ser, Poli­zei, Feu­er­wehr, Bun­des­wehr usw.) selbst­ver­ständ­lich ganz­jäh­rig zur Ver­fü­gung steht,
  • dis­kre­di­tiert pau­schal und undif­fe­ren­ziert den Sinn und die Legi­ti­mi­tät von Steu­ern,
  • ver­schweigt, dass durch Steu­er­vor­tei­le für Spit­zen­ver­die­nen­de und Ver­mö­gen­de ein mil­li­ar­den­schwe­rer öffent­li­cher Inves­ti­ti­ons­stau ent­stan­den ist,
  • lässt völ­lig uner­wähnt, dass den Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen unmit­tel­ba­re indi­vi­du­el­le Ansprü­che bei Krank­heit, Arbeits­lo­sig­keit, Ren­te und Pfle­ge gegen­über­ste­hen,
  • sug­ge­riert fälsch­li­cher­wei­se, alle Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wür­den den glei­chen Steu­er­satz zah­len, völ­lig unab­hän­gig von ihrem tat­säch­li­chen Ein­kom­men oder Ver­mö­gen,
  • führt in die Irre, weil der Tag je nach indi­vi­du­el­ler Steu­er­last (Grund­frei­be­trag, Steu­er­pro­gres­si­on, Steu­er­klas­se, Ehe­gat­ten­split­ting) ganz unter­schied­lich zu errech­nen ist,
  • geht dar­über hin­weg, dass Kapi­tal­ein­künf­te dank der pau­scha­len Abgel­tung­s­teu­er von 25% bevor­zugt und damit bereits sehr viel frü­her „aus dem Ren­nen sind“,
  • errech­net nicht, um wie viel güns­ti­ger die Rech­nung ohne die mas­si­ve Steu­er­hin­ter­zie­hung und die „Steu­er­ge­stal­tung“ ins­be­son­de­re gro­ßer und glo­ba­ler Unter­neh­men aus­fal­len könn­te.

Ein­mal im Jahr ruft der Bund der Steu­er­zah­ler den "Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag" aus. Damit setzt der im Lob­by­re­gis­ter des Deut­schen Bun­des­ta­ges ein­ge­tra­ge­ne Inter­es­sen­ver­band von Bes­ser­ver­die­nen­den bewusst auf die Distan­zie­rung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger von ihrem eige­nen Gemein­we­sen und unter­gräbt aktiv die Idee und Legi­ti­mi­tät von Steu­ern. Der sym­bo­li­sche Gedenk­tag zeich­net das Bild eines gie­ri­gen Staa­tes. Dabei ver­schweigt er die Tat­sa­che, dass der Steu­er­bei­trag für Durch­schnitts­ver­die­nen­de über alle Steu­er­ar­ten zusam­men­ge­rech­net weni­ger als 20 Pro­zent des Ein­kom­mens beträgt, eben­so wie er die teil­wei­se enor­men Steu­er­ra­bat­te für extrem hohe Ein­kom­men – etwa für die Bezie­he­rIn­nen hoher Divi­den­den – aus­blen­det.

Die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ unter­schlägt außer­dem bewusst, dass die öffent­li­che Hand mit den Leis­tun­gen der Steu­er­zah­le­rIn­nen öffent­li­che Güter und Dienst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stellt, die mit einer pri­va­ten Finan­zie­rung deut­lich teu­rer aus­fal­len wür­den. Ein Bei­spiel sind die in öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten erstell­ten Bun­des­au­to­bah­nen, die den Steu­er­zah­ler teu­rer zu ste­hen kom­men als eine öffent­li­che Finan­zie­rung, wie der Bun­des­rech­nungs­hof jähr­lich in sei­nem Bericht dar­legt.

Der Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag sug­ge­riert: Als durch­schnitt­li­che Arbeit­neh­me­rIn habe man bis zu dem Tag nur für den Staat, sprich für Steu­ern und Abga­ben, gear­bei­tet. „Der Bund der Steu­er­zah­ler tut so als wäre der Staat ein Raub­rit­ter und nicht ein Garant der öffent­li­chen Daseins­vor­sor­ge“ beschreibt Micha­el Schro­di die Öffent­lich­keits­ar­beit des Ver­eins. Zur genau­en Datie­rung des "Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tags" wur­de bis 2018 eine "volks­wirt­schaft­li­che Ein­kom­mens­be­las­tungs­quo­te" her­an­ge­zo­gen, wel­che die gesam­ten Steu­ern und Abga­ben ins Ver­hält­nis zum Ein­kom­men setz­te.

Die vom Bund der Steu­er­zah­ler zugrun­de­lie­gen­de Quo­te war jedoch in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer so kon­stru­iert, dass sie weit über der tat­säch­li­chen Steu­er- und Abga­ben­quo­te lag. Die höhe­re Kenn­zif­fer ergab sich dadurch, dass die von den Bür­gern zu zah­len­den Steu­ern nach oben und deren gesam­tes Ein­kom­men nach unten hin ver­zerrt wur­den. Den Steu­ern wur­den bei­spiels­wei­se Abga­ben zuge­rech­net, die vom Staat selbst gezahlt wer­den. Bei­spie­le hier­für sind die Mehr­wert­steu­er auf sei­ne Ein­käu­fe und Inves­ti­tio­nen, Öko­steu­er auf sei­nen Ener­gie­ver­brauch, Kfz-Steu­er für sei­ne Fahr­zeu­ge, Grund­steu­er für sei­ne Immo­bi­li­en oder Unter­neh­men- und Ein­kom­men­steu­ern auf sei­ne Kapi­tal­erträ­ge. Das Gesamt­ein­kom­men als Bezugs­grö­ße wur­de ver­klei­nert, indem die Steu­ern unzu­läs­si­ger­wei­se her­aus­ge­rech­net wur­den. Die Steu­ern wer­den qua­si auf das Net­to­ein­kom­men bezo­gen. Somit ent­stand der Ein­druck einer extrem hohen Steu­er­be­las­tung. „So wie der Bund der Steu­er­zah­ler jah­re­lang gerech­net hat, soll­ten wir eher vom Bund der Steu­er­zah­ler-Auf­peit­scher spre­chen“ kri­ti­siert Nor­bert Wal­ter-Bor­jans den Ver­ein. Im Jahr 2019 hat der Steu­er­zah­ler­bund die­se immer kri­ti­sier­te Rech­nungs­wei­se erst­mals umge­stellt. [*]

Der Bund der Steu­er­zah­ler gibt sich in der Öffent­lich­keit als ver­meint­lich neu­tra­ler und auf­klä­re­ri­scher Akteur, der auf den effek­ti­ven Ein­satz von Steu­er­mit­teln ach­tet. Wenn er sich dar­auf beschrän­ken wür­de, wäre das nicht zu bean­stan­den. Mit der Schluss­fol­ge­rung des Bun­des der Steu­er­zah­ler, dass eine Sen­kung der Steu­ern und Abga­ben für die Ent­las­tung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sowie Betrie­be unab­ding­bar sei, macht der Bund der Steu­er­zah­ler aber vor allem Inter­es­sen­po­li­tik für Spit­zen­ver­die­ne­rIn­nen und Ver­mö­gen­de. Denn den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern wird pau­schal sug­ge­riert, dass der Staat ihnen Geld weg­neh­me und damit dann schlecht haus­hal­te. Neo­li­be­ra­le For­de­run­gen, wie eine Sen­kung der Staats­aus­ga­ben und eine erneu­te Sen­kung von Unter­neh­mens- und Spit­zen­steu­er­sät­zen, hül­len sich so in ein arbeit­neh­mer­freund­li­ches Gewand, ent­las­ten jedoch ganz ande­re. „Der Bund der Steu­er­zah­ler ver­tritt nicht den ein­fa­chen Steu­er­zah­ler, son­dern wohl­ha­ben­de Unter­neh­me­rIn­nen, lei­ten­de Ange­stell­te mit Spit­zen­ge­häl­tern und Per­so­nen mit hohem Ver­mö­gen“, sagt Can­sel Kizil­te­pe. „Das erklärt auch, wie­so ihre Zeit­schrif­ten für Luxus­rei­sen und Semi­na­re für den Ver­mö­gens­er­halt wer­ben“ so Can­sel Kizil­te­pe wei­ter.

Die Will­kür, die der Berech­nung des "Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tags" zugrun­de liegt, ist offen­sicht­lich. Gehen wir von einer Per­son aus, die aus­schließ­lich von ihren Kapi­tal­ein­künf­ten leben kann, zum Bei­spiel infol­ge einer gro­ßen Erb­schaft. Das ist ange­sichts der sehr hohen Ver­mö­gens­un­gleich­heit in Deutsch­land ein rea­lis­ti­sches Sze­na­rio. Das DIW hat berech­net, dass im Jahr 2014 die reichs­ten zehn Pro­zent der Gesell­schaft 63 Pro­zent des gesam­ten Ver­mö­gens besa­ßen. Das reichs­te eine Pro­zent hielt mit schät­zungs­wei­se 33 Pro­zent die Hälf­te die­ses Ver­mö­gens. [1] Auf wel­chen Tag wür­de der „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ für solch einen rei­chen Erben fal­len? Wenn wir nur die Steu­ern auf Ein­kom­men betrach­ten und der Erbe aus­schließ­lich Kapi­tal­ein­kom­men hat, dann ist die Ant­wort der 6. April (26,375 %). Ohne Soli­da­ri­täts­zu­schlag wäre es sogar der 1. April (25 %)!

Der soge­nann­te Gedenk­tag igno­riert außer­dem, dass Steu­ern ein wich­ti­ges Instru­ment zur Finan­zie­rung und Bereit­stel­lung öffent­li­cher Güter sind. Sie sind kei­ne rei­ne Abga­ben­last. Zudem sug­ge­riert er, dass geleis­te­ten Sozi­al­ab­ga­ben dem Staat zu flie­ßen. Tat­säch­lich stel­len sie zukünf­ti­ge Leis­tun­gen im Fal­le von Krank­heit, Arbeits­lo­sig­keit, im Alter und bei Pfle­ge­be­dürf­tig­keit dar. Ohne Sozi­al­ab­ga­ben müss­te man für die­se Leis­tun­gen mit einer pri­va­ten Vor­sor­ge auf­kom­men, was deut­lich teu­rer aus­fällt. Als gutes Bei­spiel kann der Gesund­heits­sek­tor die­nen. Die Pro-Kopf-Aus­ga­ben für das vor­wie­gend pri­va­te Gesund­heits­we­sen in den USA sind fast dop­pelt so hoch wie die in Deutsch­land.

Anstatt gene­rell eine Redu­zie­rung der Steu­er­last zu for­dern, soll­te bes­ser dis­ku­tiert wer­den, war­um der Pro­duk­ti­ons­fak­tor Arbeit stär­ker besteu­ert wird als der Fak­tor Kapi­tal. Spit­zen­ein­kom­men durch Kapi­tal­an­la­gen soll­ten nicht län­ger gegen­über Ein­kom­men aus Arbeit begüns­tigt wer­den.

[*] Nach Ver­öf­fent­li­chung die­ser Erklä­rung hat uns der Steu­er­zah­ler­bund dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er 2019 sei­ne jah­re­lang nach dem­sel­ben Mus­ter vor­ge­nom­me­ne Berech­nung der volks­wirt­schaft­li­chen Ein­kom­mens­be­las­tungs­quo­te umge­stellt hat. Das war bei Abfas­sung unse­rer Erklä­rung nicht erkenn­bar. Wir haben unse­re Aus­sa­gen des­halb inso­weit ergänzt. Alle wei­te­ren vom Steu­er­zah­ler­bund nicht bean­stan­de­ten Aus­sa­gen blei­ben selbst­ver­ständ­lich Bestand­teil unse­rer Ver­öf­fent­li­chung.

Kon­takt

Can­sel Kizil­te­pe
Mit­glied des Deut­schen Bun­des­tags
Email: cansel.kiziltepe@bundestag.de
Tel: 030 227 73465

Micha­el Schro­di
Mit­glied des Deut­schen Bun­des­tags
Email: michael.schrodi@bundestag.de
Tel: 030 227 77541

Nor­bert Wal­ter-Bor­jans
Email: nowabo@netcologne.de

[1] Ste­fan Bach, Andre­as Thie­mann, Ali­ne Zuc­co: „Loo­king for the miss­ing rich: Tra­cing the top tail of the wealth dis­tri­bu­ti­on“; Janu­ary 23, 2018; Dis­cus­sion Papers; https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.575768.de/dp1717.pdf