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Zum 80. Jah­res­tag des deut­schen Über­falls auf Polen habe ich mit weit über 200 Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Bun­des­tag einen Auf­ruf unter­zeich­net, in dem wir uns für einen Ort der Erin­ne­rung, Auf­klä­rung und Ver­stän­di­gung ein­set­zen.

80 Jah­re nach 1939. Ein Ort der Begeg­nung, um an Krieg und Besat­zung zu erin­nern

Die Fra­ge des Geden­kens und Erin­nerns ist in den deutsch-pol­ni­schen Bezie­hun­gen von beson­de­rer Bedeu­tung. Am 1. Sep­tem­ber 2019 jährt sich der Über­fall Deutsch­lands auf Polen zum 80. Mal. Gleich­zei­tig ist das Bewusst­sein über den beson­de­ren Cha­rak­ter des deut­schen Besat­zungs- und Ver­nich­tungs­re­gimes in Polen zwi­schen 1939 und 1945 heu­te bei uns in Deutsch­land noch nicht hin­rei­chend aus­ge­prägt. Deutsch­land und Polen pfle­gen heu­te beson­de­re freund­schaft­li­che Bezie­hun­gen. Wirt­schaft­lich und kul­tu­rell sind bei­de Län­der eng ver­bun­den: Deutsch­land ist Polens größ­ter Han­dels­part­ner, es gibt hun­der­te Städ­te­part­ner­schaf­ten, umfang­rei­chen Aus­tausch zwi­schen Regio­nen, Schul- und Hoch­schul­ko­ope­ra­tio­nen und enge Zusam­men­ar­beit der Zivil­ge­sell­schaft. Nir­gend­wo ist Deutsch als Fremd­spra­che so popu­lär wie in Polen. Auch auf zwi­schen­mensch­li­cher Ebe­ne sind die Bezie­hun­gen eben­falls sehr inten­siv und so wer­den jähr­lich hun­der­te deutsch-pol­ni­sche Ehen geschlos­sen. Dies ist jedoch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, da die deutsch-pol­ni­sche Geschich­te über Jahr­hun­der­te davon geprägt ist, dass Deut­sche Polen immer wie­der bekrie­gen, beherr­schen, unter­jo­chen oder sogar ver­nich­ten woll­ten. Noch heu­te den­ken vie­le Men­schen in Polen beim Blick auf Deutsch­land auch an die Geschich­te der Tei­lun­gen des eige­nen Staa­tes oder die Ver­su­che der Prus­si­fi­zie­rung bzw. Ger­ma­ni­sie­rung, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten statt­fan­den. Im Zen­trum der Debat­te über die deutsch-pol­ni­sche Geschich­te steht jedoch die Zeit zwi­schen 1939 und 1945.

Mit dem Über­fall Deutsch­lands auf Polen begann am 1. Sep­tem­ber 1939 der Zwei­te Welt­krieg und damit die Umset­zung grau­sams­ter, ras­sen­ideo­lo­gi­scher Ver­nich­tungs­po­li­tik. Eine Vor­aus­set­zung für die­sen Angriffs­krieg war die im kurz zuvor geschlos­se­nen Hit­ler-Sta­lin-Pakt ver­ein­bar­te vier­te Tei­lung Polens. Die mili­tä­ri­sche Kapi­tu­la­ti­on wur­de auch durch den zur deut­schen Inva­si­on hin­zu­kom­men­den Ein­marsch Sta­lins in Polen erzwun­gen.

Schon in den ers­ten Kriegs­ta­gen zeig­te sich, dass die Natio­nal­so­zia­lis­ten Polen nicht nur als Staat aus­lö­schen woll­ten. Todes­schwa­dro­ne began­nen sofort nach dem Ein­marsch mit der lan­ge vor­be­rei­te­ten „Intel­li­genz­ak­ti­on“, der zehn­tau­send­fa­chen Ermor­dung von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der zwei­ten pol­ni­schen Repu­blik. Betrof­fen waren hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter pol­ni­scher Poli­tik und Intel­li­genz, Leh­rer, Ärz­te, Pries­ter und poli­tisch Anders­den­ken­de – unter ihnen vie­le Men­schen jüdi­schen Glau­bens. Sofort begann auch eine Kriegs­füh­rung der Wehr­macht, die nicht nur auf einen mili­tä­ri­schen Sieg, son­dern auf eine dau­er­haf­te Aneig­nung des Ter­ri­to­ri­ums gerich­tet war. Die­se Kriegs­füh­rung war von Anfang an von zahl­lo­sen Kriegs­ver­bre­chen gegen Orte wie Wie­luń oder Częs­tocho­wa und ille­ga­len Exe­ku­tio­nen tau­sen­der pol­ni­scher Zivi­lis­ten geprägt. Bald begann die sys­te­ma­tisch geplan­te Ver­trei­bung von Men­schen aus den Gebie­ten, die dann vom Deut­schen Reich annek­tiert wur­den. Vor allem aber wur­de das Gebiet Vor­kriegs­po­lens von den Natio­nal­so­zia­lis­ten wenig spä­ter zu dem Ort gemacht, an dem sie in deut­schen Ver­nich­tungs­la­gern den fabrik­mä­ßi­gen Mas­sen­mord an den euro­päi­schen Juden durch­führ­ten und auch Mil­lio­nen Jüdin­nen und Juden ermor­de­ten, die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des pol­ni­schen Staa­tes gewe­sen waren.

Das mul­ti­eth­ni­sche Polen war ab dem 1. Sep­tem­ber 1939 das Gebiet, auf dem die Natio­nal­so­zia­lis­ten alle Kom­po­nen­ten ihres ras­sen­ideo­lo­gi­schen Ver­nich­tungs­krie­ges, ihrer grau­sa­men Besat­zungs­po­li­tik, ihrer ras­sis­ti­schen Lebens­raum­ideo­lo­gie, ihren emi­nen­ten Anti­se­mi­tis­mus und auch Anti­sla­wis­mus erst­mals in vol­lem Umfang umsetz­ten. Das Gebiet der zwei­ten pol­ni­schen Repu­blik wur­de zudem als Ver­suchs­la­bor für die Kriegs­füh­rung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­lands im Osten miss­braucht.

Die phy­si­sche Ent­fer­nung pol­ni­scher Men­schen aus den bald annek­tier­ten Gebie­ten einer­seits und die Unter­jo­chung, Aus­beu­tung, Ver­schlep­pung und Ver­skla­vung der Polen in den Gebie­ten des spä­te­ren Gene­ral­gou­ver­ne­ments ande­rer­seits, waren von Beginn an Ziel und zen­tra­ler Bestand­teil der Idee des Kriegs gegen Polen. Todes­mu­tig leis­te­ten Mil­lio­nen Polin­nen und Polen dage­gen Wider­stand. Hun­dert­tau­sen­de kämpf­ten auch in den Armeen der Alli­ier­ten für den Sieg über Hit­ler. Eben­so vie­le bezahl­ten die­se Opfer­be­reit­schaft mit ihrem Leben. Dass sich weni­ge Jahr­zehn­te nach dem Kriegs­en­de zwi­schen Deutsch­land und Polen unse­re Ver­söh­nungs­ge­schich­te ent­wi­ckel­te, grenzt an ein Wun­der. Die pol­ni­schen Bischö­fe streck­ten 1965 in ihrem Brief an die deut­schen Amts­brü­der mit dem Satz „Wir ver­ge­ben und bit­ten um Ver­ge­bung“ die Hand an die Nati­on der Täter aus. Es folg­ten auch aus der pol­ni­schen und den deut­schen Zivil­ge­sell­schaf­ten wert­vol­le Impul­se und Initia­ti­ven zur Ver­söh­nung und Ver­stän­di­gung zwi­schen Men­schen in Polen und bei­den deut­schen Staa­ten. Polen und pol­nisch stäm­mi­ge Bür­ger in Deutsch­land, Ver­tre­ter der deut­sche Min­der­heit und Deut­sche in Polen, eben­so wie Aus­sied­ler und Ver­trie­be­ne, deren ver­schie­de­ne Schick­sa­le in Erin­ne­rung blei­ben, gehö­ren zu wich­ti­gen Brü­cken­bau­ern zwi­schen bei­den Län­dern und Kul­tu­ren. Nach 1989 taten auch die ers­ten demo­kra­ti­schen Regie­run­gen Polens viel für die Ver­söh­nung mit Deutsch­land. So wären die deut­sche Ein­heit und die Inte­gra­ti­on des geein­ten Deutsch­lands in euro­päi­schen Struk­tu­ren ohne den Mut und den Wil­len unse­res öst­li­chen Nach­barn, wel­cher die eige­ne euro­päi­sche Inte­gra­ti­on in Über­ein­stim­mung mit der deut­schen Ein­heit sah, nicht mög­lich gewe­sen.

Heu­te schau­en wir in eine gemein­sa­me fried­li­che Zukunft. Gleich­zei­tig sind wir über­zeugt, dass ein aus­ge­präg­tes deut­sches his­to­ri­sches Bewusst­sein für die gemein­sa­me Geschich­te auch Grund­la­ge unse­rer guten Bezie­hun­gen ist. Es ist unse­re Auf­ga­be, die Erin­ne­rung und das Geden­ken an den deut­schen Ver­nich­tungs­krieg gegen Polen und die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Besat­zung leben­dig zu hal­ten und der Erin­ne­rung Raum zu geben.

Aus die­sem Anlass soll an pro­mi­nen­ter Stel­le in Ber­lin ein geeig­ne­ter Ort gefun­den wer­den, der den Opfern des Krie­ges und der Besat­zung in Polen gewid­met ist. Er soll­te mit einem geeig­ne­ten Kon­zept der Erin­ne­rung, Auf­klä­rung und vor allem auch der Ver­stän­di­gung und dem Abbau von Vor­ur­tei­len die­nen. Wir stel­len uns dar­un­ter auch einen Ort der Begeg­nung und Aus­ein­an­der­set­zung vor, der Deut­sche und Polen zusam­men­bringt und damit zur Ver­tie­fung unse­rer Bezie­hun­gen und Freund­schaft bei­trägt. Hier­zu soll­ten 2019 – acht­zig Jah­re nach dem Über­fall auf Polen – sei­tens der deut­schen Poli­tik ent­spre­chen­de Initia­ti­ven auf den Weg gebracht wer­den.