Offener Brief an den Landrat des Landkreises Dachau zur Sicherstellung einer angemessenen Patientenversorgung am Helios Amper-Klinikum

Offener Brief an den Landrat des Landkreises Dachau zur Sicherstellung einer angemessenen Patientenversorgung am Helios Amper-Klinikum

Sehr geehr­ter Herr Löwl,

Die jüngs­te Pres­se­be­richt­erstat­tung zur Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on am Heli­os Amper Kli­ni­kum wirft eini­ge Fra­gen auf. Die dar­in geschil­der­ten Ent­wick­lun­gen decken sich in hohem Maße mit zahl­rei­chen Berich­ten von Beschäf­tig­ten, die uns vor­lie­gen und ein zuneh­mend kri­ti­sches Bild der pfle­ge­ri­schen Ver­sor­gung und der Arbeits­be­din­gun­gen zeich­nen. Unser Anlie­gen ist klar: Wir wol­len eine ver­läss­li­che, gute und siche­re Pati­en­ten­ver­sor­gung sicher­stel­len, im Inter­es­se der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, aber eben­so im Inter­es­se der Pfle­ge­kräf­te und aller wei­te­ren Beschäf­tig­ten.

Zweck­ent­frem­dung des Pfle­ge­bud­gets

Die in der aktu­el­len Bericht­erstat­tung und in den Schil­de­run­gen der Beschäf­tig­ten beschrie­be­nen Vor­gän­ge wei­sen auf mög­li­che sys­te­ma­ti­sche Fehl­ent­wick­lun­gen hin. Ursprüng­lich wur­de das Pfle­ge­bud­get ein­ge­führt, um pfle­ge­ri­sche Ver­sor­gung zu stär­ken und Pfle­ge­per­so­nal zu ent­las­ten. Aus der aktu­el­len Bericht­erstat­tung geht jedoch her­vor, dass zuneh­mend Tätig­kei­ten, die nicht zum pfle­ge­ri­schen Kern­be­reich gehö­ren, dar­un­ter Bet­ten­rei­ni­gung, Ser­vice­auf­ga­ben und orga­ni­sa­to­ri­sche Tätig­kei­ten, auf Pfle­ge­kräf­te über­tra­gen wer­den.

Noch gra­vie­ren­der sind Hin­wei­se dar­auf, dass ver­schie­de­ne Berufs­grup­pen, etwa Sta­ti­ons­se­kre­tä­rin­nen und -sekre­tä­re, for­mal der „Pfle­ge“ zuge­rech­net wer­den, um über das Pfle­ge­bud­get finan­ziert zu wer­den, ohne dass die­se Tätig­kei­ten tat­säch­lich pfle­ge­ri­sche Ver­sor­gung dar­stel­len. Die­ser Mecha­nis­mus erzeugt den fal­schen Ein­druck von zusätz­li­chem Pfle­ge­per­so­nal, wäh­rend rea­le pfle­ge­ri­sche Kapa­zi­tä­ten dadurch noch wei­ter unter Druck gera­ten. Der Land­kreis hat das bis dahin öffent­li­che Kran­ken­haus im Jahr 2005 pri­va­ti­siert, hält jedoch 5,1 % am Heli­os Amper-Kli­ni­kum Dach­au und ist damit z.B. Teil des Auf­sichts­ra­tes.

Wel­che Erwar­tun­gen haben Sie, Herr Löwl, an den Kli­nik­be­trei­ber hin­sicht­lich der Sicher­stel­lung einer qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen und pati­en­ten­ori­en­tier­ten Ver­sor­gung, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Per­so­nal­res­sour­cen und Arbeits­be­din­gun­gen?

Wel­che Hal­tung ver­tritt der Land­kreis als Min­der­heits­ge­sell­schaf­ter gegen­über der Über­tra­gung von fach­frem­den Tätig­kei­ten auf Pfle­ge­kräf­te?

Kon­trol­le der Pfle­ge­un­ter­gren­zen

Die Berich­te aus dem Kli­ni­kum zeich­nen ein Bild, in dem pfle­ge­ri­sche Arbeits­be­las­tung struk­tu­rell über­höht und die Ein­hal­tung der Pfle­ge­per­so­nal­un­ter­gren­zen frag­lich erscheint. Beschäf­tig­te schil­dern Situa­tio­nen, in denen eine Pfle­ge­kraft über zwan­zig Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten gleich­zei­tig zu ver­sor­gen hat. Hin­zu kommt wie oben beschrie­ben, dass Pfle­ge­kräf­te durch Trans­port-, Logis­tik- und Ser­vice­tä­tig­kei­ten gleich­zei­tig wei­ter gebun­den wer­den und dadurch wert­vol­le Zeit für direk­te Ver­sor­gung der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ent­fällt.

Die Beschäf­tig­ten berich­ten zudem, dass inter­ne Sta­ti­ons­teams zuneh­mend zwi­schen Über­be­le­gung, Per­so­nal­eng­päs­sen und feh­len­den struk­tu­rel­len Ent­las­tun­gen auf­ge­rie­ben wer­den.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, wie Sie per­sön­lich die von Beschäf­tig­ten geschil­der­ten Zustän­de im Hin­blick auf den gesetz­li­chen Ver­sor­gungs­auf­trag bewer­ten und wie Sie bzw. das Land­rats­amt den Mel­dun­gen über die Ver­stö­ße gegen die Per­so­nal­un­ter­gren­ze nach­ge­hen.

Kön­nen Sie dar­über hin­aus bestä­ti­gen, dass in den letz­ten Mona­ten wegen Beschwer­den von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten bzw. von Ange­hö­ri­gen hin­sicht­lich der Pfle­ge­qua­li­tät und Über­be­le­gung ver­mehrt das Gesund­heits­amt zu Kon­trol­len in das Heli­os Amper-Kli­ni­kum kom­men muss­te.

Abschlie­ßend: Die zahl­rei­chen Hin­wei­se, sowohl aus der Pres­se als auch aus der Beleg­schaft und der Bevöl­ke­rung zei­gen, dass sich die Belas­tungs­si­tua­ti­on im Heli­os Amper-Kli­ni­kum erheb­lich ver­schärft hat. Ver­schlech­ter­te Arbeits­be­din­gun­gen, eine zuneh­men­de Dele­ga­ti­on pfle­ge­frem­der Tätig­kei­ten an Pfle­ge­kräf­te und struk­tu­rel­le Eng­päs­se kön­nen lang­fris­tig sowohl die Pati­en­ten­si­cher­heit als auch die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten gefähr­den.

Unser gemein­sa­mes Ziel muss es sein, dies zu ver­mei­den und viel­mehr eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge, siche­re und men­schen­wür­di­ge Ver­sor­gung im Land­kreis Dach­au zu sichern, gut für die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, aber eben­so gut für die Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger, ohne deren Ein­satz eine funk­tio­nie­ren­de Ver­sor­gung nicht mög­lich wäre.

Wir for­dern Sie daher auf, zeit­nah Ihren Ein­fluss als Anteils­eig­ner des Heli­os Amper-Kli­ni­kums wahr­zu­neh­men und den öffent­lich gewor­de­nen Berich­ten nach­zu­ge­hen und gemein­sam mit dem Heli­os-Kon­zern abzu­stel­len.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Micha­el Schro­di,                                                       
Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges und Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär beim Bun­des­mi­nis­ter der Finan­zen

Hubert Böck
Kreis­rat im Land­kreis Dach­au


Den voll­stän­di­gen offe­nen Brief als PDF fin­den sie hier