Steu­er­my­then

Vom Schein zum Sein in der Steu­er­dis­kus­si­on

Die deut­sche Debat­te über Steu­ern und Finanz­po­li­tik ist voll von Fehl­an­nah­men, Irr­tü­mern und fal­schen Schluss­fol­ge­run­gen. Die­se wer­den meist von Ver­tre­tern mäch­ti­ger Inter­es­sen­ver­bän­de oder indi­vi­du­el­len Besitz­stands­wah­rern vor­ge­tra­gen und fin­den sich auch unhin­ter­fragt in den Medi­en wie­der.

Mit dem Pro­jekt STEUERMYTHEN möch­ten wir einen Bei­trag dazu leis­ten, die deut­sche Steu­er­de­bat­te zu öff­nen und zu ver­sach­li­chen, indem gän­gi­ge Steu­er­my­then wis­sen­schaft­lich fun­diert dis­ku­tiert und schließ­lich wider­legt wer­den.

Auf Initia­ti­ve von Cars­ten Sie­ling hat sich eine Grup­pe von SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten zusam­men­ge­fun­den, um das Pro­jekt STEUERMYTHEN zu initi­ie­ren. Nach der Wahl von Cars­ten Sie­ling zum Bre­mer Bür­ger­meis­ter über­nahm Can­sel Kizil­te­pe das Pro­jekt als Geschäfts­füh­re­rin. Seit Som­mer 2023 habe ich den Vor­sitz der AG Steuerpolitik/Steuermythen von mei­ner geschätz­ten Genos­sin über­nom­men. Ich freue mich über das Ver­trau­en und auf die Arbeit für eine gerech­te Steu­er­po­li­tik und gegen neo­li­be­ra­le Steu­er­my­then.

Unten­ste­hend fin­den Sie eine Mythe zum sog. "Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag" oder bes­ser, dem Tag der bewuss­ten Irre­füh­rung. Besu­chen Sie ger­ne unse­re Web­site, um wei­te­re Mythen ken­nen­zu­ler­nen und mehr über die Initia­ti­ve zu erfah­ren.

Tag der bewuss­ten Irre­füh­rung

Mit dem sog. „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ ver­tritt die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ die Inter­es­sen von Spit­zen­ver­die­nern und gefähr­det damit nach­hal­ti­ges Wirt­schafts­wachs­tum.

Alle Jah­re wie­der ruft die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ (BdSt) Mit­te Juli den „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ aus. Dazu erklä­ren Micha­el Schro­di, finanz­po­li­ti­scher Spre­cher der SPD­Bun­des­tags­frak­ti­on und Spre­cher der AG Steu­er­my­then, und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans, von 2010 bis 2017 Finanz­mi­nis­ter in Nord­rhein-West­fa­len und Fel­low der „Bür­ger­be­we­gung Finanz­wen­de“:

Der „Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag“ müss­te „Tag der bewuss­ten Irre­füh­rung“ hei­ßen, denn der Bund der Steu­er­zah­ler ...

  • rech­net die Belas­tungs­quo­te künst­lich in die Höhe,
  • schmeißt Steu­ern und Sozi­al­ab­ga­ben will­kür­lich in einen Topf,
  • über­geht, dass die öffent­lich finan­zier­te Infra­struk­tur (Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Stra­ßen, Kran­ken­häu­ser, Poli­zei, Feu­er­wehr, Bun­des­wehr usw.) selbst­ver­ständ­lich ganz­jäh­rig zur Ver­fü­gung steht,
  • ver­schweigt, dass gleich­zei­tig durch Steu­er­vor­tei­le für Spit­zen­ver­die­nen­de und Ver­mö­gen­de ein mil­li­ar­den­schwe­rer öffent­li­cher Inves­ti­ti­ons­stau ent­stan­den ist,
  • dis­kre­di­tiert pau­schal und undif­fe­ren­ziert den Sinn und die Legi­ti­mi­tät von Steu­ern und Abga­ben,
  • über­geht in der Berech­nung, dass den Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen unmit­tel­ba­re indi­vi­du­el­le Ansprü­che bei Krank­heit, Arbeits­lo­sig­keit, Ren­te und Pfle­ge gegen­über­ste­hen,
  • sug­ge­riert fälsch­li­cher­wei­se, dass bei­spiels­wei­se ein Haus­halt mit 2,9 Per­so­nen und einem Ein­kom­men von 8.865€ reprä­sen­ta­tiv für die deut­sche Bevöl­ke­rung sei.

Ein­mal im Jahr ruft der Bund der Steu­er­zah­ler den "Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag" aus. Damit setzt der im Lob­by­re­gis­ter des Deut­schen Bun­des­ta­ges ein­ge­tra­ge­ne Inter­es­sen­ver­band von Bes­ser­ver­die­nen­den bewusst auf die Distan­zie­rung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger von ihrem eige­nen Gemein­we­sen und unter­gräbt aktiv die Idee und Legi­ti­mi­tät von Steu­ern. Der sym­bo­li­sche Gedenk­tag zeich­net das Bild eines gie­ri­gen Staa­tes. Dabei ver­schweigt er die Tat­sa­che, dass der Steu­er­bei­trag für Durch­schnitts­ver­die­nen­de über alle Steu­er­ar­ten zusam­men­ge­rech­net weni­ger als 20 Pro­zent des Ein­kom­mens beträgt, eben­so wie er die teil­wei­se enor­men Steu­er­ra­bat­te für extrem hohe Ein­kom­men – etwa für die Bezie­he­rIn­nen hoher Divi­den­den – aus­blen­det.

Die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ unter­schlägt in den Berech­nun­gen außer­dem bewusst, dass die öffent­li­che Hand mit den Leis­tun­gen der Steu­er­zah­le­rIn­nen öffent­li­che Güter und Dienst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stellt, die mit einer pri­va­ten Finan­zie­rung deut­lich teu­rer aus­fal­len wür­den. Ein Bei­spiel sind die in öffent­lich-pri­va­ten Part­ner­schaf­ten erstell­ten Bun­des­au­to­bah­nen, die den Steu­er­zah­ler teu­rer zu ste­hen kom­men als eine öffent­li­che Finan­zie­rung, wie der Bun­des­rech­nungs­hof jähr­lich in sei­nem Bericht dar­legt.

Der Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag soll bewusst sug­ge­rie­ren, durch­schnitt­li­che Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer hät­ten bis zu die­sem Tag nur für den Staat, also für Steu­ern und Abga­ben, gear­bei­tet. „Mit die­sem Zerr­bild wol­len die Lob­by­is­ten vom sog. „Bund der Steu­er­zah­ler“ den Staat als gefrä­ßi­gen Raub­rit­ter brand­mar­ken. Einen schwa­chen Staat kön­nen sich aber nur Rei­che leis­ten, denn unse­re Städ­te und Gemein­den, unse­re Bun­des­län­der und der Bund sind Garan­ten der öffent­li­chen Daseins­vor­sor­ge für unse­re Bür­ge­rin­nen und Bür­ger,“ betont Micha­el Schro­di. „Der Bund der Steu­er­zah­ler sug­ge­riert, dass wir bis zum Tag des Steu­er­zah­lers für die Katz und nicht für Schu­len, Wege und Sicher­heit arbei­ten. Wer die Legen­de von Steu­ern als Ent­eig­nung befeu­ert, muss sich sagen las­sen, dass der „Tag des Steu­er­zah­lers“ ein hoch­gra­dig aso­zia­les Kon­strukt ist!“, so Nor­bert-Wal­ter Bor­jans.

Zur Berech­nung des Steuerzahlergedenktages/ Tages der bewuss­ten Irre­füh­rung legt die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on „Bund der Steu­er­zah­ler“ fol­gen­de Annah­men zugrun­de: Zunächst wird der Anteil der Aus­ga­ben für Abga­ben und Steu­ern am Ein­kom­men der Haus­hal­te berech­net. Das ergibt die Belas­tungs­quo­te, wor­aus dann der Steu­er­zah­l­er­ge­denk­tag bestimmt wird. Seit 2019 zieht der BdSt dafür die vom sta­tis­ti­schen Bun­des­amt durch­ge­führ­ten reprä­sen­ta­ti­ven Haus­halts­be­fra­gun­gen der „Lau­fen­den Wirt­schafts­rech­nung“ als Daten­grund­la­ge her­an. Die von der Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on errech­ne­te Quo­te ist jedoch so kon­stru­iert, dass sie bewusst weit über der tat­säch­li­chen Steu­er- und Abga­ben­quo­te liegt. Die höhe­re Kenn­zif­fer ergibt sich unter ande­rem dadurch, dass die von den Arbeit­ge­bern zu zah­len­den Sozi­al­ab­ga­ben dem Ein­kom­men der Bür­ger hin­zu­ge­rech­net wer­den, um sie spä­ter wie­der abzie­hen zu kön­nen. Das führt dazu, dass sogar schon ein Stu­dent mit einem Neben­ein­kom­men von 800 € durch die Kran­ken­ver­si­che­rung von 125 € eine angeb­li­che Belas­tungs­quo­te von 31%[*] haben soll. Die tat­säch­li­che Belas­tung des Stu­den­ten durch die Abga­be liegt aller­dings bei 15,625% (125/800).

Der Bund der Steu­er­zah­ler gibt sich in der Öffent­lich­keit als ver­meint­lich neu­tra­ler und auf­klä­re­ri­scher Akteur, der auf den effek­ti­ven Ein­satz von Steu­er­mit­teln ach­tet. Wenn er sich dar­auf beschrän­ken wür­de, wäre das nicht zu bean­stan­den. Mit der Schluss­fol­ge­rung des Bun­des der Steu­er­zah­ler, dass eine Sen­kung der Steu­ern und Abga­ben für die Ent­las­tung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sowie Betrie­be unab­ding­bar sei, macht der Bund der Steu­er­zah­ler aber vor allem Inter­es­sen­po­li­tik für Spit­zen­ver­die­ne­rIn­nen und Ver­mö­gen­de. Denn den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern wird pau­schal sug­ge­riert, dass der Staat ihnen Geld weg­neh­me und damit dann schlecht haus­hal­te. Neo­li­be­ra­le For­de­run­gen, wie eine Sen­kung der Staats­aus­ga­ben und eine erneu­te Sen­kung von Unter­neh­mens- und Spit­zen­steu­er­sät­zen, hül­len sich so in ein arbeit­neh­mer­freund­li­ches Gewand, ent­las­ten jedoch ganz ande­re. „Der Bund der Steu­er­zah­ler ver­tritt nicht den ein­fa­chen Steu­er­zah­ler, son­dern wohl­ha­ben­de Unter­neh­me­rIn­nen, lei­ten­de Ange­stell­te mit Spit­zen­ge­häl­tern und Per­so­nen mit hohem Ver­mö­gen“, sagt Nor­bert Wal­ter-Bor­jans. „Das erklärt auch, wie­so ihre Zeit­schrif­ten für Luxus­rei­sen und Semi­na­re für den Ver­mö­gens­er­halt wer­ben“ so Wal­ter-Bor­jans wei­ter.

Der soge­nann­te Gedenk­tag igno­riert außer­dem, dass Steu­ern ein wich­ti­ges Instru­ment zur Finan­zie­rung und Bereit­stel­lung öffent­li­cher Güter sind. Sie sind kei­ne rei­ne Abga­ben­last. Zuletzt hat­te unter ande­rem der Bun­des­ver­band der Indus­trie (BDI) errech­net, dass min­des­tens 400 Mil­li­ar­den Euro zusätz­lich in die öffent­li­che Infra­struk­tur inves­tiert wer­den müs­sen. Inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen wie IWF und OECD wei­sen dar­auf hin, dass der teils schlech­te Zustand der öffent­li­chen Infra­struk­tur ein wesent­li­ches Hemm­nis für nach­hal­ti­ges Wirt­schafts­wachs­tum und damit zukünf­ti­gen Steu­er­ein­nah­men ist. „Mit ihren aggres­si­ven Lob­by­for­de­run­gen gefähr­det der Bund der Steu­er­zah­ler den Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land“, ver­deut­licht Micha­el Schro­di.

Zudem sug­ge­rie­ren die Lob­by­is­ten des Bun­des der Steu­er­zah­ler mit ihrer Berech­nung, dass geleis­te­te Sozi­al­ab­ga­ben dem Staat zu flie­ßen. Tat­säch­lich stel­len sie zukünf­ti­ge Leis­tun­gen im Fal­le von Krank­heit, Arbeits­lo­sig­keit, im Alter und bei Pfle­ge­be­dürf­tig­keit dar. Ohne Sozi­al­ab­ga­ben müss­te man für die­se Leis­tun­gen mit einer pri­va­ten Vor­sor­ge auf­kom­men, was deut­lich teu­rer aus­fällt. Als gutes Bei­spiel kann der Gesund­heits­sek­tor die­nen. Die Pro-Kopf-Aus­ga­ben für das vor­wie­gend pri­va­te Gesund­heits­we­sen in den USA sind fast dop­pelt so hoch wie die in Deutsch­land.

Anstatt gene­rell eine Redu­zie­rung der Steu­er­last zu for­dern, soll­te bes­ser dis­ku­tiert wer­den, war­um der Pro­duk­ti­ons­fak­tor Arbeit stär­ker besteu­ert wird als der Fak­tor Kapi­tal. Spit­zen­ein­kom­men durch Kapi­tal­an­la­gen soll­ten nicht län­ger gegen­über Ein­kom­men aus Arbeit begüns­tigt wer­den.

[*] Berech­nung gemäß des Belas­tungs­ba­ro­me­ters 2024 nur mit Sozi­al­ver­si­che­rungs­aus­ga­ben des Arbeit­neh­mers von 125€ und kei­nen indi­rek­ten und direk­ten Steu­ern.

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